Wir alle kennen Momente in unserem Leben, die wir im Nachhinein bedauern. Ob es eine verpasste Gelegenheit ist, ein unbedachtes Wort zu einem geliebten Menschen oder eine Lebensentscheidung, die sich im Rückblick als schmerzhaft herausgestellt hat: Jeder von uns trägt solche Rucksäcke. Das ist ein zutiefst menschlicher Teil unserer Reifung und Lebenserfahrung.
Häufig meldet sich in ruhigen Minuten eine unwillkürliche Instanz in uns: eine strenge, mahnende Stimme, die uns das Geschehene immer wieder vorhält. Nennen wir sie mal den „inneren Kritiker“ oder die "innere Kritikerin". Aus hypnosystemischer Sicht ist diese Stimme jedoch kein Feind, den du bekämpfen musst. Sie ist ein Anteil von dir, der oft enorme Energie aufwendet, um dich auf etwas Wichtiges hinzuweisen – nur die gewählte Methode (das Vorwerfen) raubt dir Lebensfreude und Kraft.
Einladung zur Lösung: Du musst diese innere Stimme nicht zum Schweigen bringen. Du kannst lernen, die wertvolle Energie hinter dem Vorwurf zu entschlüsseln, mit diesem Anteil in einen heilsamen Dialog zu treten und echte, systemische Selbstvergebung zu erfahren.
In unserem inneren Erleben existieren unzählige wertvolle Anteile. Wenn der innere Kritiker sehr laut wird, gerät eine andere, ebenso weise Kraft in den Hintergrund: dein innerer Beschützer und Bewahrer.
Aus der hypnosystemischen Perspektive hat jeder Anteil eine im Kern gute Absicht (Guten-Absichts-Fokus).
Echte Selbstvergebung bedeutet nicht, Fehlverhalten flachzureden. Es bedeutet, die damalige Situation voll anzuerkennen, die Lernaufgabe zu würdigen – und dann den Anteil, der so lange die Last der Schuld getragen hat, feierlich zu entlasten. Denn dauerhafte Selbstbestrafung kann das Leben blockieren. Versöhnung hingegen setzt Lebensenergie frei.
Nimm dir für dieses innere Experiment 10–15 Minuten Zeit. Schaffe dir einen ungestörten Raum, atme ruhig durch und wähle für den Anfang eine Situation, die du heute mit wohlwollender Neugier betrachten möchtest.
Bevor du deinen Blick auf die Situation richtest, aktivieren wir deinen inneren Beschützer. Erinnere dich an ein tiefes Gefühl von Geborgenheit oder bedingungsloser Wertschätzung. Denke an einen Menschen, ein Haustier, ein spirituelle Kraft, ein Phantasiewesen oder einen Ort in der Natur, wo du dich ganz angenommen fühlst. Lass dieses Gefühl der Rückendeckung wie ein warmes Licht in deinen Körper fließen. Du bist sicher.
Ein einzelnes Ereignis definiert niemals deine gesamte Identität. Richte deinen Fokus ganz bewusst auf deine Stärken und deine Lebenserfahrung. Welche Werte (wie Herzlichkeit, Loyalität, Zuverlässigkeit oder Weisheit) zeichnen dich aus? Schreibe drei dieser Qualitäten auf - gerne mehr. Sie sind die stabile Basis, auf der du stehst, während du das Vergangene betrachtest.
Schaue nun auf das Ereignis, aber tue es wie ein wohlwollender Beobachter. Was genau ist passiert? Und vor allem: Was war damals alles wirksam? Welche Belastungen, welches Wissen (oder Nicht-Wissen) und welche inneren Nöte lagen in diesem Moment vor? Jeder Mensch handelt in einer Situation immer nach der besten ihm in diesem Moment zur Verfügung stehenden Option. Würdige, dass du es damals unter den gegebenen Umständen nicht besser lösen konntest.
Wende dich nun für einen Moment wertschätzend der strengen Stimme in dir zu. Frage diesen Anteil im Geiste: „Was willst du eigentlich Gutes für mich bewahren oder verhindern, indem du mich so streng erinnerst?“ Meistens lautet die Antwort: Schutz vor erneutem Schmerz oder das Bewahren eines hohen moralischen Wertes. Bedanke dich bei diesem Anteil für seine jahrelange, treue Fürsorgearbeit.
Sprich innerlich oder laut aus, oder schreibe auf was deinem System Ordnung und Klarheit bringen kann:
Was hast du seither – vielleicht ganz unbewusst – bereits getan, um das Leben positiv zu gestalten, aus dem Fehler zu lernen oder Gutes zu bewirken? Würdige jeden noch so kleinen Schritt. Sollte noch ein realer, äußerer Schritt offen sein (z. B. ein klärendes Wort), nimm diesen als wertvollen Impuls in deine Zukunftsplanung auf.
Sagen Sie nun zu dir selbst und zu deinen inneren Anteilen (dem Kritiker und dem Beschützer):
„Ich danke euch für euren Schutz. Das Lernen ist abgeschlossen. Ich erlaube mir und meinen Anteilen, diese Last jetzt abzulegen. Ich vergebe mir zutiefst. Wir dürfen jetzt in Frieden weitergehen.“
Aus hypnosystemischer Sicht ist Selbstvergebung kein linearer Knopfdruck, sondern ein organisches Einladen von neuen, heilsamen Netzwerken im Gehirn. Wenn die alte Betroffenheit oder die strenge Stimme ab und zu wieder auftaucht, begrüße sie einfach wie einen alten Bekannten: „Ah, da bist du wieder. Danke für deine Wachsamkeit – aber wir haben bereits Frieden geschlossen.“
Indem du die innere Zerrissenheit beendest, fließt die gebundene Energie wieder dorthin, wo sie hingehört: in deine Lebendigkeit, deine Gelassenheit und deine Gegenwart.
Der erste, sanfte Schritt: Welchem Anteil in dir möchtest du heute mit einem wohlwollenden Lächeln begegnen?
Manchmal spüren wir im Selbstcoaching, dass die Schwere oder das Schuldgefühl trotz tiefen Verständnisses wie ein unwillkürliches Muster festgehalten wird.
In meiner Arbeit zeigt sich häufig: Wenn Vorwürfe nicht weichen wollen, liegt das oft an einer unbewussten systemischen Loyalität. Wir tragen dann Schuldgefühle, Schicksale oder moralische Lasten aus unserer Herkunftsfamilie (von Eltern, Großeltern oder Ahnen) mit uns herum. Das System weigert sich dann noch, sich selbst zu vergeben, weil es sich mit den Ahnen verbunden halten möchte.
Wenn du spürst, dass dein innerer Kritiker eine solche tiefere, transgenerationale Wurzel hat, lade ich dich ein, diesen Weg nicht alleine zu gehen. In einer einfühlsamen Beratung oder einer Systemischen Aufstellung können wir diesen unwillkürlichen Dynamiken einen Raum geben. So kann sich die blockierende Last in eine kraftvolle Ressource für deinen weiteren Lebensweg verwandeln.
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Wie eine (Online-)Systemische Aufstellung tief sitzende Verstrickungen lösen kann
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Quellen:
Dr.
Rick Hanson 2026 (Greater Good Science Scenter)
In Anlehnung an Dr. Gunther Schmidt dem Begründer des hypnosystemischen Ansatzes
